Wegen Russland: „Welt“-Journalist wünscht sich NATO-Atomraketen zurück nach Deutschland

EIne Pershing-II-Atomrakete, wie sie Anfang der Achtzigerjahre in Deutschland stationiert wurde. Foto: Homer Paden / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
EIne Pershing-II-Atomrakete, wie sie Anfang der Achtzigerjahre in Deutschland stationiert wurde.
Foto: Homer Paden / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
19. November 2017 - 13:02

Im Jahr 1979 fasste die NATO ihren umstrittenen Doppelbeschluss als Reaktion auf die Modernisierung der sowjetischen Atomraketen. In Deutschland wurden daraufhin die Mittelstreckenrakete Pershing II und der Marschflugkörper Tomahawk stationiert. Beide Waffen konnten mit Atomsprengköpfen versehen werden. Als Folge entstand eine Friedensbewegung, die Hunderttausende zu Massendemonstrationen mobilisieren konnte.

Bereits 1987 wurde der NATO-Doppelbeschluss hinfällig durch den INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces, deutsch: nukleare Mittelstreckensysteme). In diesem vereinbarten die NATO und der Warschauer Pakt die Zerstörung aller landgestützten Kurz- und Mittelstreckenraketen (500 bis 5.500 Kilometer Reichweite) sowie ein Verbot, neue zu produzieren. Auch die zugehörigen Abschusseinrichtungen wurden verboten. Nicht betroffen waren seegestützte Waffen sowie Interkontinentalraketen (Reichweite über 5.500 Kilometer).

Journalist bei der Welt will wieder Atomraketen in der Eifel

Der INF-Vertrag ist noch immer gültig und Europa daher bis heute zumindest offiziell frei von atomaren Kurz- und Mittelstreckenwaffen. Jacques Schuster, Journalist und Chefkommentator bei der Zeitung Die Welt, ist mit diesem Zustand jedoch unzufrieden. Er schreibt:

Der Westen braucht einen neuen Nato-Doppelbeschluss. Im schlimmsten Fall wird es sogar nötig sein, dass die USA ihre Atomraketen auf den neuesten Stand bringen müssen und diese Waffen wie seit den Tagen des Kalten Krieges in der Eifel stationieren. Denn Moskau verhält sich derzeit wie vor 40 Jahren.

Schuster wirft Russland vor, einen Marschflugkörper namens SSC-8 entwickelt und damit den INF-Vertrag verletzt zu haben. Die USA haben dies Russland erstmals 2014 vorgeworfen. Es konnten jedoch keine Beweise erbracht werden. Russland streitet die Entwicklung einer solchen Waffe ab.

NATO verletzt den INF-Vertrag

Mit keinem Wort erwähnt Schuster, dass auch die Russen der NATO mit gutem Grund einen Bruch des INF-Vertrages vorwerfen. Die NATO baut seit Anfang des neuen Jahrtausends einen europäischen Raketenabwehrschild auf. Dieser basiert vor allem auf den so genannten AEGIS-Schiffen, welche vom INF-Vertrag nicht betroffen sind.

Der Raketenabwehrschild besitzt allerdings auch eine Komponente an Land namens AEGIS Ashore. Die erste derartige Einrichtung wurde 2016 in Rumänien bei Deveselu in Betrieb genommen, eine weitere ist für 2018 in Polen geplant. Diese Anlagen verfügen, wie auch die AEGIS-Schiffe, über das MK-41-Abschuss-System, welches geeignet ist, Marschflugkörper mit mittlerer Reichweite abzufeuern, zum Beispiel vom Typ Tomahawk. Dies stellt einen klaren Bruch des INF-Vertrages dar, der eben diese Abschusseinrichtungen verbietet.

Russland betrachtet außerdem Angriffsdrohnen als Verletzung des INF-Vertrages, da diese als landgestützte Marschflugkörper betrachtet werden können, welche aufgrund ihrer Reichweite nach dem INF-Vertrag verboten sind.

Sämtliche Leserkommentare widersprechen Schuster

All dies wird im Kommentar in der Welt mit keiner Silbe erwähnt. Trotz dieser einseitig anti-russischen Darstellung ist ein großer Teil der Welt-Leser anderer Meinung als Chefkommentator Schuster. Zwar hat eine knappe Mehrheit durch Klick auf ein Daumen-nach-oben-Symbol angegeben, die Meinung des Autors zu vertreten, sämtliche Kommentare widersprechen dieser allerdings.

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