Geburt Saudi-Arabiens: Der Wahhabismus – Ein Pakt in der Wüste | Unzensuriert.de

Geburt Saudi-Arabiens: Der Wahhabismus – Ein Pakt in der Wüste

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte die Saud-Familie aus Beduinen die wahhabitischen Ikhwan-Kämpfer. Diese Aufnahme datiert aus 1911. Foto: Wikimedia (Public Domain)
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte die Saud-Familie aus Beduinen die wahhabitischen Ikhwan-Kämpfer. Diese Aufnahme datiert aus 1911.
Foto: Wikimedia (Public Domain)

Saudi-Arabien ist der erste islamistische Staat der Neuzeit, gegründet auf der fundamentalistischen Lehre des Predigers Muhammad ibn Abd al Wahhab. Finanziert mit saudischen Petrodollars, wird seine radikale Lehre inzwischen weltweit verbreitet. Zu Lebzeiten Abd al Wahhabs war diese Entwicklung jedoch keineswegs vorhersehbar. Ein anfänglich kaum beachtetes Bündnis mit einem Stammesfürsten bildete den Grundstein für den Aufstieg des Wahhabismus. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich der vierte Teil der Unzensuriert-Serie über die Geschichte des Islamismus.

Wahhabs Predigten waren zunächst vielen zu radikal

Der zu Beginn des 18. Jahrhunderts geborene Abd al Wahhab, Spross einer Familie islamischer Rechtsgelehrter, wurde, der Familientradition entsprechend, bereits von Kindheit an in islamischen Lehren ausgebildet. 1739 begann Abd al Wahhab, zunächst in Basra zu predigen, von wo er jedoch wegen seiner radikalen Lehren vertrieben wurde. Abd al Wahhab kehrte daraufhin in seine Heimat, den innerarabischen Nadschd, zurück. Mit Hilfe des lokalen Emirs ibn Mu‘ammar konnte er sich zunächst in seiner Heimatstadt  al Uyaina als Prediger niederlassen, bis ibn Mu’ammar sich auf Druck der ansässigen Bevölkerung gezwungen sah, Abd al Wahhab ebenfalls auszuweisen.

Die Wende: Al Wahhab und die Familie Saud

Die nächste Station seines Weges sollte sich als schicksalhaft erweisen. Abd al Wahhab kehrte zurück nach Dir’iya, wo der Emir Muhammad ibn Saud herrschte. Die beiden Männer gingen eine wegweisende Partnerschaft ein. Abd al Wahhab sollte die Herrschaft der Familie Saud als Kämpfer für den wahren Glauben religiös legitimieren. Dafür versprach ibn Saud in seinem Herrschaftsbereich eine Umsetzung der radikalen Lehren Abd al Wahhabs. Diese Aufgabenteilung zwischen ideologischer Stützung der saudischen Herrschaft durch die Wahhabiten einerseits und Verbreitung der wahhabitischen Lehre durch die Saudis andererseits hat bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Die Lehre des Abd al Wahhab

Wie auch andere islamistische Ausrichtungen des Islam, etwa der Salafismus, wird der Wahhabismus oft als „ultrakonservativ“ bezeichnet. Diese Bezeichnung ist insofern nicht zutreffend, als al Wahhab viele der über Jahrhunderte gewachsenen Traditionen des Islams strikt ablehnte und sich selbst als Erneuerer sah. Der wichtigste Grundsatz von Abd al Wahhabs Lehre war die Rückkehr zum strengen Monotheismus („tauhid“) der Vorväter, was im Sinne des Wahhabismus eine Verehrung von Menschen als Mittler zu Gott strikt ausschloss.

Die Verehrung islamischer „Heiliger“ war jedoch weit verbreitet, und deren Gräber dienten als Pilgerstätten. Derartige Praktiken wurden als Polytheismus („shrik“), ihre Anhänger als Polytheisten („mushrik“) und Ungläubige („kafir“) bezeichnet, der Heilige Krieg gegen sie wurde zur Pflicht. Genussmittel wie Tabak wurden für verboten („haram“), die Teilnahme am Gebet sowie die Almosen für Arme dagegen zur Pflicht erklärt.

Ziel war und ist die Bekehrung der "Ungläubigen" mit allen Mitteln zu einer reinen, ursprünglichen Form des Islams. Die Wahhabiten bezeichnen sich dementsprechend selbst nie als solche, sondern verwenden die Bezeichnungen „salafi“ („Vorgänger“ – als Anlehnung an die Frühzeit des Islam) oder „muwahhidun“ („Bekenner des tauhid“).

Die Pforten des Ijtihad

Bedeutend für das Verständnis des Wahhabismus wie für den Großteil islamistischer Strömungen ist der Begriff des „Ijtihad“. Ijtihad bedeutet die Möglichkeit der eigenen Auslegung der Hadithe, der Überlieferung der Aussprüche und Handlungen Mohammeds, denen im Islam eine rechtssetzende und verhaltensnormative Rolle zukommt. Gemäß der Auffassung einer Mehrzahl der sunnitischen Moslems wurden die Pforten des Ijtihad um das Jahr 1000 geschlossen. Das bedeutet, dass eine neue Auslegung der Hadithe danach nicht mehr möglich sei; vielmehr sollten die sunnitischen Moslems den Auslegungen einer der vier anerkannten Rechtsschulen folgen (taqlid/Nachahmung).

Die Wahhabiten stellten diese Tradition in Frage. Gemäß ihrer Ansicht sei der Ijtihad für entsprechend ausgebildete Rechtsgelehrte weiterhin möglich, woraus sich die überragende Bedeutung wahhabitischer Rechtsgelehrter ergibt. Abd al Wahhab knüpfte damit an ältere islamische Gelehrte an, insbesondere an Taqid ad-Din Ahmad ibn Tamiya, der als einer der wichtigsten Vordenker islamistischer Gruppen gilt. Der Ijtihad ist von besonderer Bedeutung für Islamisten, da sie sich so ohne Einschränkungen den Grundlagen des Islams in seinen Ursprüngen widmen können.

Der Aufstieg der Wahhabiten

Die Verpflichtung zur Verbreitung des reinen Islams in Verbindung mit den expansiven Plänen der Familie Saud führte gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer raschen Ausbreitung der saudischen Wahhabiten über die arabische Halbinsel. Dabei zerstörten die religiösen Eiferer die Gräber schiitischer Imame in Medina und wenig später das Grabmal al Husain in Kerbela, eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer, und setzten ihre rigorosen Vorstellungen des Islams in ihrem Herrschaftsbereich durch.

Der ägyptische Vizekönig Muhammad Ali setzte diesem Wüten im Jahr 1818 ein Ende und zerstörte den ersten saudischen Staat. Dennoch hatte der Wahhabismus bereits in seinem Frühstadium Anhänger in der gesamten islamischen Gemeinschaft von Marokko bis Indonesien gefunden.

Auch der zweite Anlauf zu einem saudischen Reich wurde 1887 gewaltsam beendet. Erst Abd al Aziz ibn Saud gelang 1902 die nachhaltige Gründung eines saudisch-wahhabitischen Staates. Ibn Saud machte die nomadischen Beduinen der arabischen Halbinsel sesshaft, ließ sie im wahhabitischen Sinn unterweisen und formte aus ihnen die Ikhwan („Brüder“) – eine Truppe wahhabitischer Kämper.

Die Wahhabiten und der Westen – ein unheilvoller Pakt

Der neuentstandene saudisch-wahhabitische Staat stand von Anfang an auf Kriegsfuß mit dem Osmanischen Reich, der regionalen Hegemonialmacht und Herrscherin über den Hedschas (Landschaft im westlichen Saudi Arabien) mit den heiligen Stätten Mekka und Medina. Der Untergang des Osmanischen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg begünstigte den Aufstieg des saudisch-wahhabitischen Staates. Entgegen den Vorstellungen der Ikhwan anerkannte Ibn Saud die Briten als neue Vormacht im arabischen Raum. Dies sicherte ihm deren wohlwollende Neutralität, als die Saudis 1926 das rivalisierende Königreich der Haschemiten im Hedschas eroberten und damit zu den Hütern Mekkas und Medinas wurden, was einen gewaltigen Prestigegewinn in der islamischen Welt bedeutete. Mit britischer Unterstützung brach Ibn Saud 1929 auch die Macht jener, die ihm zu seiner Macht verholfen hatten, der Ikhwan. 1932 proklamierte Ibn Saud das neue Königreich Saudi Arabien.

Ein Jahr später wurde die California Arabia Standard Oil Company (später ARAMCO, heute Saudi Aramco) gegründet und damit der Grundstein für die Erdölpartnerschaft zwischen den USA und Saudi Arabien gelegt; 1938 begann das schwarze Gold zu sprudeln. Im Zweiten Weltkrieg unterstützte Saudi Arabien – obwohl offiziell neutral – de facto die Alliierten.

Am 14. Februar 1945 trafen sich Ibn Saud und der bereits schwer kranke US-Präsident Franklin D. Roosevelt auf einem US-Kriegsschiff im Suezkanal. Dort besiegelten sie jenes Bündnis zwischen Saudi-Arabien und den USA, das inzwischen seit mehr als siebzig Jahren fixer Bestandteil der Diplomatie beider Staaten ist.

Die Spinne im islamistischen Netz

Saudi Arabien hat sich seitdem als ebenso treuer Bündnispartner der USA erwiesen wie die USA sich als treuer Protektor Saudi Arabiens zeigten – der jüngste Besuch des scheinbar islamkritischen US-Präsidenten Donald Trump ist ein Beleg dafür. Wirtschaftliche und strategische Interessen waren dafür ausschlaggebend, aber auch der strikte Antikommunismus der Saudis während des Kalten Krieges. Wie Saudi-Arabien unter dieser Schirmherrschaft sein wahhabitisch-islamistisches Netzwerk über die ganze Welt und auch bis nach Österreich ausdehnen konnte, wird unzensuriert in einer weiteren Folge dieser Serie dokumentieren.

Am 24. November lesen Sie: Der Aufstand des Mahdi – Feuer und Schwert im Sudan 

Bisher veröffentlicht:

Islamismus - Die Herausforderung des Westens

Die Charidschiten – Blaupause des militanten Islamismus

Die Assassinen – Vorbild islamistischer Attentäter?

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