Venezuelas Zukunft auf Messers Schneide: Finanzkrise und Rekordverschuldung

Finanzkrise und Rekordverschuldung: Wie agieren China und Russland im krisengebeutelten Venezuela? Foto: Voice of America / wikimedia.org (CC-PD-Mark)
Finanzkrise und Rekordverschuldung: Wie agieren China und Russland im krisengebeutelten Venezuela?
Foto: Voice of America / wikimedia.org (CC-PD-Mark)
14. November 2017 - 14:00

Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro wandelt wirtschaftlich seit geraumer Zeit auf ganz schmalen Pfaden. Die angehäuften Schulden belaufen sich auf geschätzt stattliche 150 Mrd. US Dollar. Für den 13. November hat seine Regierung die Gläubiger zu einem Treffen in die Hauptstadt Caracas geladen.

Gastbeitrag von Michael Johnschwager

Ein düsteres Panorama zeichnete sich bereits ab, nachdem die US-Administration den Venezolanern den Zugang zum Finanzmarkt sperrte. Im laufenden November gilt es Fälligkeiten von 2 Mrd. US Dollar zu bedienen. Die drei weltweit führenden Rating-Agenturen sprechen daher unverhohlen von einem unmittelbar drohenden Bankrott (Default). Aus Finanzkreisen verlautbart, dass Venezuela mit einer Summe von 750 Mio. US Dollar in Verzug geraten sei und die letzten Reserven mobilisiert habe.

Maduro verspricht sich ein Arrangement in letzter Minute mit seinen beiden Hauptgläubigern China und Russland. Dabei entfällt mit 28,1 Mrd. US Dollar der Löwenanteil auf die Chinesen, gefolgt von den Russen (Rosneft) mit 9,1 Mrd. US Dollar. Mit den weltweit größten Erdölvorkommen ist dem Chávez-Nachfolger ein Faustpfand erster Güte an die Hand gegeben.

Kommt der Schuldenerlass aus Russland?

Das Schwarze Gold dient ihm als die sprichwörtliche eiserne Ration. In diesen bewegten Tagen kündigt der russische Finanzminister Anton Siluanov eine Übereinkunft an, die Schuldenlast zwischen Caracas und Moskau neu auszurichten. Zu deren Umfang und Ausführung nannte er keine Einzelheiten. Zu erwarten steht, man werde die Fälligkeiten neu verhandeln. Im Raum steht dem Vernehmen nach auch eine Verringerung der Quoten, sogar ein Schuldenerlass scheint nicht gänzlich ausgeschlossen. In diesem Zusammenhang erinnert Oleg Kouzmin, Ökonom bei Renaissance Capital, „dass Russland einigen Ländern, darunter Kuba und Nordkorea, einen Schuldenerlass zugestand.“ Die Höhe ist für Moskau „nicht so wichtig“, hob Kouzmin hervor.

Insgesamt betrachtet, hat sich Moskau in den letzten beiden Jahren in der Schuldenfrage den Venezolanern als äußerst entgegenkommender Partner erwiesen. Im Gegenzug für seine Darlehn erhielt Rosneft eine Beteiligung an venezolanischen Erdölvorkommen. Zusätzlich sind geopolitische Aspekte von Bedeutung, eine Allianz mit einem Land zu akzentuieren, das in räumlicher Nähe zu den USA angesiedelt ist.

Wie reagiert China in der Krise?

Somit dürfte die eigentliche Herausforderung für Maduro darin bestehen, von chinesischer Seite finanzielle Rückendeckung zu erhalten. Gegenüber AFP äußert sich Hu Xingdou, ein versierter Akademiker aus Peking: „Es ist möglich, dass China, besorgt um seine nationalen Interessen, sich in die Verhandlungen um den Zugang zu Minen- und Erdölvorkommen einschaltet.“ Von der Uni UOB Kay Hian aus Shanghai meldet sich der Ökonom Zhu Chaoping zu Wort: „Wir verfolgen das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes. Auf der anderen Seite unterhalten beide Länder lange bestehende freundschaftliche Beziehungen und langfristig angelegte Zusammenarbeit.“ Das wird jedem im Stadtbild von Caracas deutlich vor Augen geführt, wo die chinesische Präsenz nicht zu übersehen ist.

Nun blicken alle Beteiligten also gebannt auf den 13. November. Bis zu diesem Stichtag gehen Analysten davon aus, dass Venezuela den Schuldendienst leisten kann. Die fatale Entwicklung entwickelte eine Eigendynamik mit dem Einbruch des Petroleumpreises. Um eine Einstellung der Zahlungen aus dem Schuldendienst abzuwenden, reagierte die sozialistische Regierung mit drastischen Importrestriktionen. Dieser Schritt provozierte schmerzliche Engpässe in der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten in breiten Bevölkerungsschichten. Deren Protest brach sich Bahn in tumultartigen Aufständen über etwa 100 Tage zwischen Frühjahr und Sommer 2017.

Maduros Wiederwahl wackelt

„Ein Default würde Mittel freisetzen, um Importe zu finanzieren und Maduro – auf kurze Sicht – einen politischen Impuls verleihen, um seine Wiederwahl sicherzustellen“, sagt Risa Grais-Targow, Venezuela-Analystin der in der Schweiz ansässigen Eurasia Group. Das gegenteilige Szenario beschreibt gegenüber AFP der Analyst Diego Moya Ocampos von IHS Markit in London: „Nicht zu zahlen würde mehr Geld für die Präsidentschaftskampagne erlauben, Güter der Grundversorgung zu importieren und das Risiko von Protesten mindern.“ Grais-Tarow gibt zu bedenken: „Auf lange Sicht würden die finanziellen Konsequenzen die gesellschaftliche Unzufriedenheit verschärfen und potentiell die interne Unterstützung der Regierung schwächen.“

Maduros Mandat endet im Januar 2019. Die Präsidentschaftswahl ist für Dezember 2018 terminiert. Es wird kolportiert, der Präsident beabsichtige, diese auf März 2018 vorzuziehen.

Michael Johnschwager, 1949 in Hamburg geboren, war als Außenhandelskaufmann von 1980 bis 1990 in Kolumbien, Venezuela und Honduras privatwirtschaftlich, sowie in Entwicklungsprojekten in Costa Rica in beratender Funktion im Einsatz. Seit 2004 ist Johnschwager als fremdsprachlicher Dozent und Autor mit Schwerpunkt Lateinamerika freiberuflich tätig

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