Loverboy-Zwangsprostitution nimmt zu in Deutschland: Opfer meist minderjährig, häufig Südländer als Täter

Szene aus dem Film „Ich gehöre ihm“: Loverboy Cem kauft für die 15-jährige Caro ein freizügiges Kleid. Wenig später zwingt er sie zur Prostitution. Foto: Bildschirmfoto www.ardmediathek.de
Szene aus dem Film „Ich gehöre ihm“: Loverboy Cem kauft für die 15-jährige Caro ein freizügiges Kleid. Wenig später zwingt er sie zur Prostitution.
Foto: Bildschirmfoto www.ardmediathek.de
2. September 2017 - 10:23

Loverboys sind junge Zuhälter, die Mädchen durch psychische Manipulation in die Prostitution drängen. Sie machen sich an meist minderjährige Mädchen heran, spielen ihnen vor, in sie verliebt zu sein, machen ihnen Komplimente und beeindrucken sie mit einem teuren Lebensstil. Sie suchen bewusst Mädchen mit niedrigem Selbstbewusstsein aus, da diese anfälliger für ihre Manipulationen sind. 

Bald nach dem Kennenlernen werden die Mädchen in die Prostitution gedrängt. Der Loverboy gibt meist vor, Schulden zu haben und redet den Mädchen ein, sie müssten durch Prostitution helfen, diese abzubezahlen. Die Opfer beginnen daraufhin tatsächlich, sich zu prostituieren, da sie die „Beziehung“ unbedingt aufrecht erhalten wollen.

Die Mädchen bleiben häufig für lange Zeit emotional von dem Loverboy abhängig und prostituieren sich über Jahre hindurch. Zur emotionalen Abhängigkeit kommen meist Einschüchterungen in Form von physischer Gewalt oder durch Drohungen. Loverboys drohen zum Beispiel, den Familienmitgliedern der Opfer etwas anzutun oder intime Bilder und Videos zu veröffentlichen.

Die Loverboys verabreichen den Mädchen in vielen Fällen auch Drogen und versuchen, die Prostitution zu verheimlichen, indem sie Kontakte zu Freunden und Familie unterbinden oder die schulischen Leistungen kontrollieren, damit Lehrern und Eltern nichts auffällt.

Spielfilm der ARD macht auf das Thema aufmerksam

Diese Art von Kriminalität ist schon seit mehreren Jahren aus den Niederlanden bekannt. Mittlerweile ist sie auch in Deutschland angekommen. Dort ist sie inzwischen so verbreitet, dass Aufklärungs- und Präventionsarbeit notwendig ist. Der Sender ARD strahlte am 30. August 2017 im Hauptabendprogramm den 90-minütigen Spielfilm „Ich gehöre ihm“ aus, der das Problem thematisiert (auch auf YouTube abrufbar).

Der Film erzählt die Geschichte der 15-jährigen Caro, die Opfer des 19-jährigen türkischstämmigen Loverboys Cem wird. Er bindet Caro durch Komplimente, teure Geschenke und gemeinsame Aktivitäten an sich. Caro durchschaut Cems wahre Absichten nicht und ist zunächst sehr glücklich durch die scheinbare Liebesbeziehung. Schon bald wird sie jedoch von Cems Komplizen, die ebenfalls Loverboys sind, vergewaltigt, während Cem zusieht. Cem gelingt es, Caro einzureden, dass dies normal sei. Danach kommt die übliche Masche mit den angeblichen Schulden, die Caro durch Prostitution abbezahlen müsse. Auch diese Manipulation durchschaut Caro nicht und willigt ein.

Caro wird zunächst in einer Wohnung missbraucht, die Cem und seine Komplizen gemietet haben, später geht sie auch auf den Straßenstrich. Wenn sich Caro weigert, wird sie von Cem geschlagen oder erpresst, indem er droht, intime Bilder an Freunde und Familie weiterzuleiten. Caros Eltern bekommen von alldem nichts mit. Erst als Caro nicht mehr nach Hause kommt, da sie von Cem eingesperrt worden ist, fliegt alles auf. Caros Eltern schalten die Polizei ein. Die kann jedoch nichts ausrichten, da Caro Cem schützt, indem sie behauptet, alles freiwillig getan zu haben. Der Film endet, ohne dass Caro ihre emotionale Abhängigkeit von Cem überwinden kann.

Im Abspann des Films ist zu lesen:

Dieser Film beruht auf wahren Begebenheiten. Er zeigt keinen Einzelfall, sondern basiert auf einer Vielzahl von Schicksalen. Die so genannten „Loverboys“ finden ihre Opfer in allen Gesellschaftsschichten, oft schon ab einem Alter von elf Jahren. Experten gehen davon aus, dass nur eine sehr geringe Anzahl der Fälle zur Anzeige gebracht wird.

Es gibt tatsächlich eine Vielzahl von Betroffenen, welche die Geschehnisse in dem Film genau so durchgemacht haben. Einige kommen in der Dokumentation „Verliebt, Verführt, Verkauft“ zu Wort, welche im Anschluss an den Film ausgetrahlt wurde (auch auf YouTube abrufbar).

Loverboys sind in der Regel Südländer

In der Dokumentation erfährt man auch, warum der Loverboy in dem Film eine Türke ist: Loverboys sind in den meisten Fällen Ausländer. Die Macher der Dokumentation berufen sich dabei auf Polizei und Beratungsstellen. Die Kriminellen nutzen ihre ausländische Herkunft sogar aus: Sie reden ihren Opfern ein, deren Eltern könnten die „Beziehung“ aufgrund ihrer ausländischen Herkunft ablehnen und sie müssten diese daher geheimhalten.

Genauere Angaben über die ethnische Herkunft der Loverboys werden in der ARD-Dokumentation nicht gemacht. Die Welt berichtet jedoch, es handle sich meist um Täter mit arabischen oder südländischen Wurzeln. Der Vater eines Opfers sagt in dem Artikel, nicht alle Loverboys seien Ausländer, aber es sei doch auffällig, dass so viele einen Migrationshintergrund hätten. Seine eigene Tochter wurde mit 18 Jahren Opfer eines türkischstämmigen Loverboys. Um anderen Opfern zu helfen, hat er die „Elterninitiative für Loverboy-Opfer“ gegründet.

Opfer wurden über mehrere Jahre hindurch zur Prostitution gezwungen

Ein anderes Mädchen namens Nadja, das in der ARD-Dokumentation ihr Martyrium schildert, geriet mit 16 Jahren in die Fänge eines Loverboys namens Hassan. Nadja prostituierte sich zwei Jahre lang jeden Tag für ihn. Dabei musste sie täglich 400 Euro verdienen und das gesamte Geld an Hassan abgeben. Um sie gefügig zu machen, schlug er sie. Erst als Nadja einmal fast an den Schlägen starb und Nachbarn die Polizei riefen, kam sie von ihm los. Hassan wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Er missbrauchte insgesamt fünf Frauen. Nadja konnte als einzige den Mut aufbringen, Hassan anzuzeigen.

Ein weiteres Opfer namens Jule wurde von einem Loverboy namens Kayan ausgebeutet. Sie traf ihn zum ersten Mal, als sie 18 war. Bei ihr gab der Loverboy vor, eine gemeinsame Zukunft mit ihr zu planen. Dazu müssten sie ein Haus kaufen. Das Geld dafür sollte Jule durch Prostitution in einem Bordell verdienen. Die „Beziehung“ dauerte zwei Jahre, dann wurde Kayan wegen Menschenhandels verhaftet. Ein anderes Opfer hatte ihn angezeigt.

Loverboys werden nur selten angeklagt

Das Bundeskriminalamt zählt die Loverboy-Delikte nicht gesondert. Sie fallen dort unter den Bereich Menschenhandel. Laut BKA nutzen Zuhälter vermehrt die Loverboy-Methode. Eine ehemalige Kriminalbeamtin sagt in der ARD-Doku, dass in den letzten zwei Jahren zunehmend Mädchen aus den oberen sozialen Schichten zum Ziel der Loverboys würden. Sie hat den Verein „No Loverboys“ gegründet und hält Vorträge an Schulen.

In Düsseldorf gab es in zwei Jahren vier Prozesse gegen Loverboys. Der dortige Staatsanwalt Stefan Willkomm hat sich auf Loverboy-Kriminalität spezialisiert. Aus diesem Grund kam es auch zu den verhältnismäßig vielen Verfahren in Düsseldorf. Auch in Augsburg wurde ein Verfahren gegen einen Loverboy eröffnet. Der Bundeswehrsoldat soll sieben Mädchen zur Prostitution gezwungen haben.

Insgesamt sind Prozesse gegen Loverboys in Deutschland sehr selten. Verfahren aus dem Bereich Menschenhandel hätten die höchsten Einstellungs- und Freispruchquoten von allen Deliktsfeldern, sagt Stefan Willkomm. Oft reichten die Beweismittel nicht für die Erhebung einer Anklage. Viele Opfer wollen sich nicht eingestehen, dass sie manipuliert worden sind, und erstatten deshalb keine Anzeige.

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